Gentrifizierung sogar im Wald

Schatten auf dem Naturschutzturm

Ein Beitrag von Prof. em. Dr. Hartmut Kenneweg *

Wenn man das Wort „Gentrifizierung“ als Suchbegriff im Internet eingibt, dann erscheinen die folgenden Begriffe:

  • „sozioökonomischer Strukturwandel“;
  • „Attraktivitätssteigerung, jedoch für eine neue Klientel“;
  • „Nutzungswandel“;
  • „Vertreibung bisheriger Nutzergruppen“.

Der teilweise als politisches Schlagwort verwendete Begriff „Gentrifizierung“ ist theoretisch nach wie vor nicht eindeutig erklärt und damit frei für erweiterte Interpretationen und Verwendungen. Klar ist, dass der Prozess einer Gentrifizierung immer mit schweren Konflikten verbunden ist. Wer aus seiner angestammten Umgebung ausgetrieben werden soll, weicht nicht freiwillig und leistet mehr oder weniger starken Widerstand. Wer dagegen den Struktur- und Nutzungswandel zu seinem Vorteil vorantreiben will, muss für sich zunächst eine Position der Stärke (in der Regel mit Geld) erobert haben; darüber hinaus aber muss er sich einerseits erhebliche Vorteile versprechen – sonst würde er den erforderlichen Aufwand und das negative Image scheuen – und andererseits muss er die Bereitschaft zu trickreichem und skrupellosem Vorgehen, ja sogar zur Brutalität mitbringen – sonst kann er die verständlichen und berechtigten Widerstände der Gentrifizierungsopfer kaum überwinden.

Standort für praxisnahe Jugend-Naturschutzarbeit

Normalerweise wird von „Gentrifizierung“ nur dann gesprochen oder geschrieben, wenn es um großstädtische Wohnviertel, Luxussanierungen und die Vertreibung von Altmietern geht, die sich den Kauf oder die Miete der „aufgewerteten“, vor allem aber überteuerten Wohnungen ihrer angestammten Umgebung nicht mehr leisten können. Das typische brutal-dynamische Verhaltensmuster einer knallharten Gentrifizierung kann aber auch an einem interessanten Ort im Wald studiert werden, also da, wo ein typisches Fallbeispiel für Gentrifizierung eigentlich überhaupt nicht zu erwarten ist. Am nördlichen Berliner Stadtrand gibt es jedoch ein außergewöhnliches und offenbar heiß begehrtes Bauwerk, das zum Gegenstand einer heftigen Eroberungsschlacht geworden ist, in einem Kampf mit allen Mitteln. Es handelt sich um einen der letzten erhaltenen Wachtürme auf dem ehemaligen Todesstreifen, ehemals Bestandteil der DDR-Grenzsicherung an der Berliner Mauer.

Nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer einschließlich aller ihrer Sperr- und Beobachtungseinrichtungen sehr schnell und fast vollständig abgeräumt. In der damaligen Zeit des allgemeinen Umbruchs hatten sich die Lehrerin Helga Garduhn aus Oranienburg und der Berliner Lehrer Marian Przybilla zu einem gemeinsamen Vorhaben entschlossen. Sie besetzten einen der plötzlich verwaisten Grenztürme zwischen Bergfelde und Frohnau, um ihn und ein Stück Land auf dem bisherigen Todesstreifen nunmehr für neues Leben umzuwidmen, nämlich als Standort für praxisnahe Jugend-Naturschutzarbeit. In der Folgezeit gelang es ihnen, den eigentlich unabweisbaren Abriss „ihres“ Turms zu verhindern. Später konnten sie sogar das Grundstück erwerben. Einerseits durch Eigenleistungen der Mitglieder der von ihnen geleiteten und geförderten Gruppe der Deutschen Waldjugend, andererseits auch über Spenden und Fördermittel verwandelten sie den vormals militärisch kahlen Grenzturm und die ihn umgebende vegetationslose Ödnis in einen einzigartigen Lehr- und Lernort, der nicht nur vielfältige Anschauungsobjekte für Natur- und Umwelterziehung zu bieten hatte, sondern auch zur bevorzugten Aufenthaltsstätte, sogar Heimat, für die dort aktiven jungen Menschen wurde. Das Projekt fand große Anerkennung und wurde zu einer weltweit beachteten ganz besonderen Naturschutzstation.

Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten

Die Deutsche Waldjugend gehört nach ihrer Satzung dem bundesweit organisierten Verband Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) an. Wegen ihres Zentrums direkt auf der ehemaligen Grenze zur DDR hatte sich die Gruppe am Naturschutzturm folgerichtig länderübergreifend gegründet und gehörte weder ganz dem SDW-Landesverband Brandenburg, noch dem Landesverband Berlin an, sondern in gewisser Weise beiden oder keinem. Man blieb weitgehend eigenständig und unabhängig. Verbindungen zum Mutterverband wurden locker gehandhabt, aber beiden Landesverbänden stand der Naturschutzturm mitsamt seinem umgebenden Naturschutzgarten für Veranstaltungen offen. Nachdem das Gelände auch mit einem überdachten Pavillon für Lehrveranstaltungen und Gruppenarbeit ausgestattet werden konnte, stellte der Regionalverband Oberhavel der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald fest, dass dieser Ort enorm an Wertschätzung in der Öffentlichkeit gewonnen hatte und auch hervorragend für Festveranstaltungen geeignet war. Zudem war dieses einzigartige Kleinod der Deutschen Waldjugend im Laufe der Zeit sehr bekannt geworden und stellte eine Attraktion, auch für prominente Besucher und für Politiker sowie andere regionale Entscheidungsträger dar. Das weckte Begehrlichkeiten, zumal dieser Verein von Waldfreunden stärker die Geselligkeit und das öffentlichkeitswirksame gemeinsame Auftreten mit Politikern als seine Kernaufgabe ansieht, und weniger die Naturpädagogik oder die oft mühsame, kontroverse und frustrierende Naturschutzarbeit.

Jahrzehnte nach dem Fall der Grenzbefestigung wollten Helga Garduhn und Marian Przybilla, nicht zuletzt alters- und krankheitsbedingt, ihr Lebenswerk in jüngere Hände übergehen lassen, ohne dass dabei die Nutzungsrechte und die Arbeit der Deutschen Waldjugend zu kurz kommen sollten. Das wurde die Chance für den Regionalverband Oberhavel der SDW. Es gelang ihm, Helga Garduhn ihren Anteil von 50 % abzukaufen. Marian Przybilla hingegen war nicht bereit, sich diesem Schritt seiner Partnerin anzuschließen. Er befürchtete Nachteile für die bisher alleinigen Nutznießer des Objekts, die Gruppe der Deutschen Waldjugend. Er entschloss sich daher, seinen hälftigen Anteil dem Landesverband Berlin durch Schenkung zu übereignen. Vertraglich wurde vereinbart, dass bei der Nutzung des Naturschutzturms vorrangig die Deutsche Waldjugend Berücksichtigung finden sollte. In der Mitgliederversammlung des Landesverbands Berlin der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald im Jahre 2016 wurde auch ein einsprechender Passus als Ergänzung der Satzung beschlossen. Die Eigentumsrechte lagen danach jeweils zur Hälfte bei den beiden genannten selbständigen Verbänden der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald – eigentlich eine günstige Voraussetzung für gedeihliche Zusammenarbeit.

Ausgrenzung von „Regimekritikern“ – nach fast 30 Jahren wieder salonfähig

Der Regionalverband Oberhavel der SDW war jedoch sehr unzufrieden mit den getroffenen Vereinbarungen, vor allem aber mit der geteilten Zuständigkeit und den fortbestehenden Nutzungsrechten der Deutschen Waldjugend. Er strebte weiterhin die alleinigen Eigentums- und Verfügungsrechte an und verhielt sich so, als besitze er diese bereits. Die Schließanlage wurde ausgetauscht und damit der Waldjugend der freie Zutritt verwehrt. Die Inneneinrichtung des Turms, die von der Waldjugend beschafft und auf ihre Ansprüche ausgerichtet war, wurde entfernt und kostenaufwendig durch eine neue ersetzt. Marian Przybilla und Mitglieder der Waldjugend erhielten wegen ihrer Proteste entweder fadenscheinig mit Verleumdungen oder überhaupt nicht begründete Hausverbote. Deren waldpädagogische und Naturschutzaktivitäten wurden dadurch fast vollständig unterbunden. Die Kommunikation mit dem Miteigentümer Landesverband Berlin der SDW wurde undurchsichtig gehandhabt oder unterblieb ganz. Die nunmehr in eine Opferrolle gezwungene Waldjugend erhoffte und erbat sich Unterstützung beim Landesverband Berlin der SDW. Der erweiterte Vorstand dieses Verbandes bemühte sich um Verständigung mit seinem Partnerverband Oberhavel; diese Bemühungen erwiesen sich als erfolglos. Der Verlauf jeder Sitzung dieses Gremiums war nunmehr dominiert von den zunehmend unversöhnlichen Querelen um den Naturschutzturm.

Der Berliner SDW-Geschäftsführung wurde der Dauerkonflikt überaus lästig. Es zeichnete sich schließlich ab, dass der geschäftsführende Vorstand zwar keine Lösung, aber eine Beendigung dieses Konflikts dadurch erreichen wollte, dass er entgegen dem Votum seines erweiterten Vorstands und der Waldjugend dem Verband Oberhavel freie Hand für die alleinige Verfügung, Verwaltung und Bewirtschaftung des Naturschutzturms einräumen wollte. In der Mitgliederversammlung des Verbandes am 13. Mai 2017 erhob sich dagegen starker und heftiger Protest. Wegen fehlender Unterstützung für die Waldjugend wurde sogar die Abwahl des geschäftsführenden Vorstands gefordert und beantragt; die sehr kontroverse Versammlung wurde schließlich unterbrochen – nach dem Beschluss, die Beratungen zeitnah in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung fortzusetzen.

Der Nachwuchsorganisation entledigt

Entgegen den Bestimmungen der Vereinssatzung wurde die außerordentliche Mitgliederversammlung nicht zeitnah durchgeführt, sondern bis zum 14. Oktober 2017 hinausgezögert. In der Zwischenzeit und bei der Vorbereitung dieser zweiten Mitgliederversammlung waren die Feinde der Waldjugend und Betreiber der Gentrifizierung nicht untätig geblieben. Auf der Basis verleumderischer Behauptungen wurde der Vereinsausschluss von Marian Przybilla als „gefährlichstem“ Unterstützer der Waldjugend betrieben. Er wurde auch vielfach terrorisiert, beispielsweise durch eine fingierte Todesanzeige oder eine polizeiliche Anzeige wegen angeblichen Waffenbesitzes, die zu einer nächtlichen Hausdurchsuchung durch starke Polizeikräfte mit entsprechender Beunruhigung führte.

Zahlreiche Mitglieder des SDW-Regionalverbands Oberhavel waren inzwischen als Neumitglieder in den Landesverband Berlin eingetreten, so dass sie dort am 14. Oktober als stimmberechtigt galten und sogar die Mehrheit bilden konnten. Vielen Altmitgliedern des SDW-Landesverbandes Berlin sowie fast allen Mitgliedern der Waldjugend wurde durch zahlreich anwesende Rechtsanwälte und Saalordner der Zutritt zum Versammlungsraum verwehrt. Die solcherart „bereinigte“ Mitgliederversammlung wählte die in ihrem Sinne unbotmäßigen Mitglieder des bisherigen erweiterten Vorstands ab. Die (feindliche) Übernahme des SDW-Landesverbands Berlin durch den Regionalverband Oberhavel und die Gleichschaltung beider Verbände war damit vollzogen. Viele Altmitglieder kündigten spontan ihre Mitgliedschaft auf oder lassen sie seither ruhen. Über Doppelmitgliedschaften vieler jetzt in beiden SDW-Verbänden aktiver Personen entstand de facto ein neuer Verein, der nur noch pro forma Strukturen in beiden Bundesländern aufrechterhält.

Die auf diese Art vereinigte „SDW Berlin-Oberhavel“ hat (vorbehaltlich noch offener Rechtsstreitigkeiten) ihre Nachwuchsorganisation „Deutsche Waldjugend“ erfolgreich enteignet und abgestoßen. Alle eingangs aufgelisteten Motive und Merkmale einer Gentrifizierung kamen dabei in typischer knallharter Ausprägung zum Vorschein.

Vom Naturschutzturm zum Grenzturm?

Dem Nutzungswandel des bisherigen Naturschutzturms steht nichts mehr entgegen; er wurde auch bereits unter dem Etikett „Denkmalschutz“ in Angriff genommen. Eine Ausstellung zum DDR-Grenzschutz befindet sich bereits im Turm, dort, wo vordem Naturkunde und Naturschutz gelehrt und geübt wurden. Um den kaum noch erkennbaren Todesstreifen wieder erlebbar zu machen, soll statt der von der Waldjugend gepflanzten, inzwischen 25 Jahre alten Waldbestände wieder „freies Schussfeld“ vor dem Turm entstehen. Am 10. März 2018 wurde ein erster Streifen dieses Waldes im Zuge eines sogenannten „Waldputztages“ gerodet.

Einen der letzten Grenztürme an der vormaligen Berliner Mauer denkmalgerecht zu präsentieren, ist im Grundsatz keine schlechte Idee; sie ist allerdings kaum vereinbar mit dem noch besseren und hier bereits jahrzehntelang praktizierten Konzept eines Naturschutzzentrums rund um den alten Grenzturm. Völlig unverständlich ist jedoch, wieso ausgerechnet ein angeblicher Naturschutzverband, der sogar den Schutz des Waldes in seinem Namen führt, unter anderem dafür eintritt, Wald zu roden, um wieder „freies Schussfeld“ zu schaffen. Satirisch könnte man der SDW raten, sich in Analogie zu einer politischen Partei umzubenennen in „AfW – Alternative für Wald“.

Quo vadis, SDW?

* Originalartikel vom März 2018. Der Autor war Professor am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der Technischen Universität Berlin. Von 1992 bis 2012 war er Vorsitzender und anschließend bis 2017 Beisitzer im Vorstand der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Landesverband Berlin.

Update, 27.09.2019: Infos über den Autor hinzugefügt.

Bildquellen:

  • Schatten auf dem Naturschutzturm: Nadine Weiß / DWJ

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