Geschichte

Restaurierter Suchscheinwerfer auf dem ehemaligen Grenzturm

Vom Grenzturm zum Naturschutzturm

Bereits vor dem Mauerfall im Jahr 1989 gab es beiderseits vom damaligen Grenzstreifen Jugendgruppen, die sich in ihrer Freizeit für Natur- und Umweltschutz einsetzten. Auf der Ost- beziehungsweise Nordseite waren es die „Ökokekis“ (Ökokellerkinder), die sich in Hohen Neuendorf im Keller von Helga Garduhn ihr Domizil geschaffen hatten. Es waren fast alles Schüler der EOS in Oranienburg (heute Runge-Gymnasium), die sich bei Naturschutzeinsätzen im damaligen Kreis Oranienburg engagierten, zum Beispiel bei Pflegearbeiten in verschiedenen Naturschutz­gebieten und im damaligen Lehrkabinett (heute Waldschule) Briesetal. Sie gestalteten Infowandzeitungen und eine Naturschutzvitrine zu Natur- und Umweltthemen. Sie entwarfen „Fluchblätter“ zu gleicher Thematik.

Auf West-Berliner Seite gab es die Gruppe mit dem Namen „Brummbären“ der Deutschen Waldjugend, dem Jugendverband der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Sie waren mit ihrem Gruppenleiter Marian Przybilla unter anderem auch im Berliner Forst Frohnau aktiv und betreuten dort Vogelnistkästen.

Beide Jugendgruppen haben sich nach der Wende gesucht und gefunden. Die „Ökokekis“ gründeten dann die erste Gruppe der Waldjugend in Brandenburg. Ein Raum als Treffpunkt musste gefunden werden, um gemeinsam zu planen und Zielvorstellungen zu verwirklichen. Die „Ökokekis“ wussten, dass sie ihren lieb gewonnenen Ökokeller aufgeben mussten, weil Rückübertragungsansprüche von den westlichen Eigentümern geltend gemacht wurden. Helga Garduhn schlug vor, gemeinsam einen nutzlos gewordenen Grenzturm für Aktivitäten und Aktionen zu „organisieren“.

Die Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik, vertreten durch Herrn Major Kuntze, beurkundeten in einem Übergabeprotokoll am 25. Juni 1990 offiziell die Übereignung:

Durch die Dienststelle der Grenztruppen der DDR, 1422 Hennigsdorf, PF 62 341/L werden nachstehend aufgeführte ehemalige Grenzsicherungsanlagen zum Zwecke der Nutzung gemäß Antragstellung an Helga Garduhn […] kostenlos übergeben.
1 Stck. Führungsstelle Hohen Neuendorf/Bergfelde
Garantieleistungen, Ersatzteillieferungen und Instandsetzungen werden durch den übergebenden nicht gewährt.

Danach begannen odysseenartige Laufereien, bis das Projekt auf Dauer Bestand erhielt. Im Gegensatz zu anderen Projekten in jener Zeit bekamen Helga Garduhn und Marian Przybilla den ehemaligen Grenzturm nicht für eine symbolische Mark, sondern mussten ziemlich viel Geld bezahlen. Hinzu kamen noch ein paar tausend Mark für die Vermessung. Mit dem Tatendrang junger Leute konnten der Turm und das Gelände gestaltet werden. Auch von öffentlicher, gewerblicher und privater Seite kam immer wieder Hilfe, für die wir sehr dankbar sind.

Die beiden Initiatoren des Projektes, Helga Garduhn und Marian Przybilla, wurden im Jahr 1999 für ihr Engagement (unabhängig voneinander) mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielt Helga Garduhn Ende September 2006 den Barbara-Zürner-Umweltschutzpreis des Landkreises Oberhavel.

Inzwischen ist der ehemalige Kolonnenweg im Rahmen des Berliner Mauerwegs auf Initiative von Michael Cramer (MdEP) saniert und als Fahrradweg ausgebaut worden. Drei Gedenkstelen informieren heute über die Geschichte der einstigen Führungsstelle Bergfelde. Im November 2006 wurde auf dem Freigelände des Turms der Allwetterpavillon fertig gestellt. Unter dem mit Schilfmatten abgedeckten Holzdach können seither auch bei ungünstiger Witterung zwei Schulklassen auf den Bänken Platz finden.

Im November 2009 wurde der ehemalige Grenzturm mit Bunker in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen. In der Begründung heißt es unter anderem:

Aufgrund seiner freien Lage und seiner Bauhöhe bildet der Grenzwachturm einen markanten Blickpunkt in der Landschaft. Er markiert heute den nördlichsten Punkt der einstigen Grenzsicherungsanlagen, die fast drei Jahrzehnte den westlichen Teil Berlins umschlossen. Der Grenzwachturm besitzt daher städtebauliche Bedeutung.

Seit 2011 unterstützt die Waldjugend den Mauerweglauf 100MeilenBerlin durch die Betreuung von Verpflegungspunkten am Naturschutzturm und an der Revierförsterei Krampnitz.

Im Mai 2014 erhielt der ehemalige Kolonnenweg zwischen der Bundesstraße B96 / Gewerbestraße und der Glienicker Straße auf Beschluss der Stadtverordnentenversammlung Hohen Neuendorf den Namen Waldjugendweg. Im Oktober 2014 wurde der Suchscheinwerfer aufwändig restauriert und als Teil des Denkmals der deutsch-deutschen Geschichte wieder auf dem Dach des ehemaligen Grenzturms installiert.

Erinnerung an die deutsche Teilung

Auf dem früheren Grenzstreifen sind die Zeugnisse der deutschen Teilung auch heute noch allgegenwärtig. Seit 1995 wird auf dem Freigelände des Naturschutzturms an Marienetta Jirkowsky erinnert. Auf Initiative der Deutschen Waldjugend wurde im Dezember 2006 in der Hohen Neuendorfer Florastraße, nur wenige hundert Meter vom ehemaligen Grenzturm entfernt, eine Gedenkstele für die junge Frau errichtet. Im Rahmen des Berliner Mauerwegs erinnert diese Stele an die damals 18-Jährige, die bei einem Flucht­versuch am 22. November 1980 an der Grenze erschossen wurde.

Am Tag des Baumes im April 2009 wurde auf dem ehemaligen Grenzstreifen eine „grüne Mauer“ aus 65 Bergahornen gepflanzt. Die Baumkette soll zwanzig Jahre nach dem Mauer­fall künftige Generationen an die deutsche Teilung erinnern. Der Bergahorn ist Baum des Jahres 2009. Die Patenschaft für die jungen Bäume übernahmen unter anderem Familien mit Kindern, Schulklassen, Vertreter von demokratischen Parteien, von Vereinen und Firmen, nicht nur aus Berlin und Umgebung.

Im August 2009 wurden neue Gedenkorte für vier junge Mauertote in Hohen Neuendorf der Öffentlichkeit vorgestellt. Einige Tage später drehte das SWR-Fernsehen eine Kindersendung für den Tigerenten Club zum Thema „20 Jahre Mauerfall“. „Wir haben hier eine perfekte Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, sagte Redakteur Jo Müller gegenüber der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Der Turm mit seiner negativen Geschichte und dem positiven Wandel habe sich für eine solche Sendung hervorragend angeboten.

Die Führungsstelle Bergfelde

Die Grenze zwischen der DDR und West-Berlin verlief vom nördlichen Ende der Invalidensiedlung parallel zur Utestraße mitten durch den Wald. Dieser Grenz­abschnitt wurde als Teil der Außengrenze bereits im Jahre 1952 geschlossen. Ab 1961 wurde der Grenzstreifen mit Mauern und Zäunen, Lichttrasse und Kolonnenweg zu tief gestaffelten Sperranlagen ausgebaut.

Die Führungsstelle Bergfelde wurde in den 1980er Jahren errichtet und diente zum einen der Grenzüberwachung. Zum anderen war sie Kommandozentrale für die umliegenden Beobachtungstürme, die im Abstand von etwa 500 Metern im Grenzstreifen standen.

Die Führungsstelle war mit drei Grenzsoldaten und einem Offizier besetzt. Über dem Kellergeschoss mit technischen Anlagen erhob sich das Erdgeschoss mit einer Arrestzelle für sogenannte Grenzverletzer, so wurden Menschen bezeichnet, die zu flüchten versuchten. Das erste Obergeschoss diente als Aufenthaltsraum und das zweite Obergeschoss war Beobachtungsstand mit Blick nach allen Seiten. Auf dem Dach war ein großer Suchscheinwerfer installiert.

Weitere DDR-Grenztürme rund um West-Berlin

Neben dem Naturschutzturm Berliner Nordrand, der einstigen Führungsstelle Bergfelde, sind rund um (West-)Berlin an ihrem Originalstandort noch drei weitere Grenztürme gleicher Bauart erhalten geblieben:

  • Die ehemalige Führungsstelle Kieler Eck liegt im Bezirk Mitte am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und ist heute umstellt und überragt von Wohnbauten aus den 1990er Jahren. Seit August 2003 ist der Turm Gedenkstätte für Günter Litfin, der am 24. August 1961 eines der ersten Todesopfer an der Berliner Mauer wurde.
  • Die ehemalige Führungsstelle Schlesischer Busch liegt zwischen den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick im Schlesischen Park an der Puschkinallee. Der Turm wird seit 2004 als Ausstellungsort von der Kunstfabrik am Flutgraben genutzt.
  • Die ehemalige Führungsstelle Nieder Neuendorf liegt an der Havel im gleichnamigen Hennigsdorfer Ortsteil Nieder Neuendorf im Landkreis Oberhavel. Seit November 1999 ist dort ein Dokumentationszentrum und eine Ausstellung zur deutschen Teilung untergebracht.

Daneben gibt es weitere Beobachtungstürme und Bauten, die an die ehemalige Grenze erinnern:

  • In der Nähe von Potsdamer- und Leipziger Platz, an der Erna-Berger-Straße, ist ein weiterer, kleinerer Beobachtungsturm erhalten geblieben. Aufgrund der Neubebauung wurde er gegenüber dem ursprünglichen Standort jedoch um etwa acht Meter versetzt. Seit 2001 steht er unter Denkmalschutz.
  • Im Rahmen der Gedenkstätte Berliner Mauer wurde an der Bernauer Straße Ecke Ackerstraße ein Beobachtungsturm denkmalgerecht wieder aufgebaut.
  • Ein weiteres Denkmal: Der ehemalige Kommandantenturm der Grenzübergangsstelle Drewitz ist heute Ausstellungs- und Veranstaltungsort des Vereins Checkpoint Bravo.

Das Projekt Denkmallandschaft Berliner Mauer hat die ehemaligen Grenzanlagen und deren heute noch sichtbaren Relikte dokumentiert. Eine differenzierte und sehr ausführliche Dokumentation zu Mauerbau und Mauerfall bietet die Bundes­zentrale für politische Bildung, das Deutschlandradio und das Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam auf ihren gemeinsamen Internetseiten zur Chronik der Mauer.

Bildquellen:

  • Restaurierter Suchscheinwerfer auf dem ehemaligen Grenzturm: mco / DWJ